MID355-M008-005

Wolfgang Koeppen: „Jugend. Prosa“, Süddeutscher Rundfunk, Stuttgart 14.11.1969.

Archivmappe
MID355-M008
Absolute Datierung
-
Zuordnung
3 Publikation: "Jugend" (SDR 1969)
Kopie
ja
Durchschlag
nein
- 5 -
Es war nicht schön, was man sprach, und wie man es sich
erzählte, und am widerwärtigsten war, daß sie nun hinhörte
mußte, um etwas aufzuschnappen, da sie nicht wissen
wollte, was zu wissen aber nun wichtig war, Welt verwandel-
te sich, kein neues Ufer wurde erreicht, ein altes Land,
das Müttertal, eine Weiberhölle, Mutterkornräusche, Hexen-
bräu, ausweglose Wälder, und an den dunklen hohen Bäumen
ein Schild, Juniperus Sabina, wie im Botanischen Garten
von Professor Pryl, klebriges Getuschel, gemeinmachendes
Gekicher, verhangene Fenster, ein Haushalten mit dem Ent-
setzen, ihr muß es vorgekommen sein, als hätte sie bis
dahin nicht hören können, nicht sehen, nicht lesen, selbst
nicht tasten, fühlen, riehcne, denn überall waren die
entsetzlichen Geheimnisse, hinter ganz gewöhnlichen Dingen
versteckt, oder allenfalls hinter Allegorien oder Sym-
bolen, die sie nicht beachtet und nicht gedeutet hatte,
bis sie sie beachten und deuten mußte, und die Freundin,
die Tochter der Klavierlehrerin, die munter springende
Käte Kasch, von der ihr gesagt worden war, sie ist keine
Freundin, nicht für dich, du darfst nicht mit ihr ver-
kehren, sie hält nicht auf sich, man weiß, wohin das
führt, und ja, man hatte es richtig gewußt, es führte
wohin, Käte Kasch war unterrichteter und bestätigte die
Angst, und dann kamen die alten Hausrezepte zu Ehren,
Teeabkochungen, Tannennadelabsude, der Rotspon von
Kaufmann Susemil', mit Safran Nelken und Zimt erhitzt,
Wechselbäder für Arme und Füße, die kalten und die / warmen
Handtuschen und dann die dunstenden, und auf eine schmutzi-
ge Art sauberen Stuben dieser Frauen,