MID355-M023-088

Wolfgang Koeppen: „Jugend. Prosa“, Süddeutscher Rundfunk, Stuttgart 14.11.1969.

Archivmappe
MID355-M023
Absolute Datierung
-
Zuordnung
5 Publikation: "Jugend" (SDR 1969)
Kopie
ja
Durchschlag
nein
- 15 -
ächzt die drei Steinstufen hoch, füllt die Tür, rollt
ins Haus, im Winter zottelt ein Pelz, schneenaß,
kalt, im Sommer spannt sich leichtes Tuch über Schultern
und Gesäß, Nanking, klemmt im Schritt, fällt felddurchschwitzt
und plump über die vollen Ackergängerschenkel, Zigarren-
rauch bleibt zurück, Wolke eines Kanonenschusses, der
Knecht schirrt die Pferde aus, reibt und deckt sie mit
wollenem Tuch, faßt sie am Halfter, führt die Geduldigen
in den Stall, schüttet Wasser, spendet Häcksel und Hafer,
ich bin ihnen gefolgt, die schaumbeflockten Pferdemäuler
malmen die Spreu, es ist warm Stall, im es ist eine warme /
gute Welt, es riecht nahrhaft nach frischem Brot, ich buhle
um die Freundschaft der Pferde und ihres Knechtes, die
Pferde sind freundlich, sie haben sanfte dunkle Augen,
der Knecht treibt sie mich mit Flüchen aus dem Stall, im
Konzerthaus beginnen sie Klavier zu spielen, Gelächter
gluckst, Worte stürzen zerbrochen über die Strasse.
Die Gardine wird zur Seite geschoben, ich stehe vor dem
Haus, ich beobachte alles genau, eine Frau zeigt sich am
Fenster, klopft gegen die Scheibe es gilt mir, ich er-
wartete es, Geheimnis durchrieselt mich, ich denke, sie
schlägt mit einem goldenen Ring, pocht mit einem grünen
Edelstein, sie hält etwas in der Hand, sie lockt mich, ich
kann nicht erkennen was sie mir zeigt, aber es ist unend-
lich begehrenswert, die Hand winkt, ich fürchte mich,
ich blicke mich um, nach Beistand der mit mir geht, nach
Feinden die mich hindern könnten, ich fühle mich versucht,
ich kann nicht widerstehen, ich klettere die drei Stein-
stufen hoch, tapse durch die offene Tür,