MID355-M023-062

Wolfgang Koeppen: „Jugend. Prosa“, Süddeutscher Rundfunk, Stuttgart 14.11.1969.

Archivmappe
MID355-M023
Absolute Datierung
-
Zuordnung
30 Publikation: "Jugend" (SDR 1969)
Kopie
ja
Durchschlag
nein
- 24 -
Es empört mich, er muß meinen Namen doch kennen, ich gehe
in seine Schule, ich versuche, nicht in seine Schule zu
gehen, seine Schule quält mich, ich hasse sie, ich hasse
ihn, und er kennt meinen Namen nicht. Habe ich einen Namen?
Habe ich ihn verloren? Werde ich mir einen neuen Namen
suchen müssen? Es strengt mich an, es treibt mir den Schweiß
auf die Haut, dem Rektor meinen Namen zu sagen. Der Rektor
grunzt, wie irgendein Tier, das mit dem Rüssel die Erde
aufwühlt, Wer weiß, welche Nahrung er sucht. Daß er einem
Tier ist, ähnelt macht ihn erträglich. Ich hasse den Rektor lange
nicht so sehr, wie ich Herrn Krüger, meinen Klassenlehrer
hasse. Herr Krüger hat mich nie teilnahmslos angesehen. Er
hat nie meinen Namen vergessen. In seinen Augen funkelt
das Licht des Jägers, der die Spur aufgenommen hat und das
Wild verfolgt. Ich bin drei Jahre vor Herrn Krüger ge-
flohen und jetzt hoffe ich, ihm zu entkommen. Oft schien
Herr Krüger mich einzuholen, mich gefangen zu haben, er
wollte mich zu Boden werfen, aber immer gelang es mir, in
ein Revier zu entkommen, das ihm unrrreichbar war, Gestehe,
wo bist du, was denkst du, forderte er, seine Lippen preßten
sich zusammen, die bräunlichen Muskeln seiner hageren
Wangen zuckten, und ich sah ihn an, fest, kalkweiß im
Geischt vor Haß, doch festen Blickes, und schiweg. Herr
Krüger hat mich nicht in seine Herde getrieben, er hat mir
nicht den Stempel der Nützlichkeit in die Haut gebrannt,
er hat mich nicht für den Bismarckbund geworben oder für den
Unterseebootbund, er hat mich zu keiner seiner festen Anschauungen
bekehrt.