MID355-M013-016

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MID355-M013
Absolute Datierung
-
Zuordnung
2
Kopie
nein
Durchschlag
ja
funden, um von sich abzulenken und grau in grauen Woh-
nungen der Lust und Inzucht aller Vampire leben zu können.
Gelächter, sie hörte es nicht, schrammte aus den Fenstern,
Gelächter über die, die unten waren, damit sie unten blie-
ben. Aus den Kellerluken dunstete die Bauernherkunft, der
Bauerngeiz, die Bauernsorge und die nie unterdrückte Schuld
der Landflucht und der tiefwurzeldne Zweifel, ob die
Stadt auch schützen würde. Wronkers, Essig- und Mostrich-
Fabrik, säuerte die Gassen. Fräulein Wronker fuhr ein-
spännig über das Kopfsteinpflaster. Ein Doktor beider
Rechte ging mit dem Gedanken um, Fräulein Wronker zu
heiraten. Die Tochter des Essigfabrikanten mischers würde
Fraun Rechtsanwalt, Frau Notar, vielleicht gar Frau Amts-
gerichtsrat werden. Eine dumme Ziege, Geld deckt das Her-
kommen zu, Mary beneidete Fräulein Wronker, aber sie hätte
gesagt, mit der tausche ich nicht. Bei Susemihl roch es
nach Marinaden. Rotspon aus Frankreich. Lagerbier gärte.
Aus Brückemanns Warenhaus drang der leimige Steärkegeruch
der Stoffe. In Umkehrs und Bugenhagens Buchhandlungen
knisterte Gelehrsamkeit wie ein Kamm, den man drrchs Haar
führt. Trocken, manchmal ein Funke. Alle Fenster beobachte-
ten sie, Krötenaugen aus einem stagnierenden Wasser. Sie
war neunzehn Jahre alt und blühte. Bismarck zog sie wie
eine von Borsigs neuen Lokomotiven vorwärts. Bismarck war
groß, er war kräftig, er beschützte sie, seine Muskeln
drängten unter dem kurzen Haar, sein Mund drohte, sein
Blick war treu. Sie war sicher, alle Farben zu kennen, die
Landsmannschaften, die Burxchenschaften, die Corps. Es war
die große Welt, die über die Langestrasse lief, denn alle,
die eine bunte Mütze trugen, ein Band über eer Brust,